Südlink-Magazin

Schwarzes Leben in Deutschland

In unserer Gesellschaft wächst kein Mensch ohne verinnerlichte rassistische Vorstellungen auf

von Marie-Abla Dikpor
Veröffenticht 5. JUNE 2020

Schwarze Menschen und People of Color erleben in Deutschland von klein auf Rassismus. So auch die neue Südlink-Kolumnistin Marie-Abla Dikpor. Heute teilt sie ihre diskriminierenden Erfahrungen auch mit weißen Menschen. Denn Rassismus, so ihre Überzeugung, müssen alle gemeinsam bekämpfen.

Letztes Jahr habe ich ein Festival mitorganisiert, bei dem wir geschütztere Räume für Schwarze1 Menschen und People of Color schaffen wollten. Dabei haben wir auch weiße Menschen eingeladen. Dies warf immer wieder die Frage nach dem Warum auf.

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Es bedeutet mir sehr viel, mich mit Menschen über Rassismus auszutauschen, die ähnliche Erfahrungen machen wie ich. Gleichzeitig wird es mir aber immer wichtiger, auch mit weißen Menschen darüber zu sprechen. Nicht nur, weil meine Betroffenheit für viele erst Anstoß ist, sich eingehender mit Rassismus auseinanderzusetzen. Ich lebe nun mal in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft und die meisten meiner Freund*innen sind weiß. Daher bin ich davon überzeugt, dass sich weiße Menschen ausführlich mit Rassismus befassen sollten, damit wir ihn gemeinsam bekämpfen können. Alles andere entspräche nicht meiner Lebensrealität. In dieser ist es wichtig, dass wir alle unsere Positionierungen innerhalb der Gesellschaft reflektieren und politisieren.


Denn im Rückblick muss auch ich sagen, dass erst die Auseinandersetzung mit meiner Schwarzen Positionierung mich dazu befähigt hat, rassistische Handlungen und Aussagen als solche zu benennen. Meine Politisierung führte außerdem dazu, dass ich Rassismus nicht nur für mich selbst benennen, sondern auch mit anderen gemeinsam anprangern kann. In einem Deutschland, in dem zwar das Thema Dekolonisierung gerade »en vogue« ist, der damit so eng verwobene Rassismus aber unaussprechbar bleibt, grenzt es dabei fast an eine Absage an den Glauben an das Gute im – weißen – Menschen, wenn man Rassismus offen benennt.


Für mich bedeutet diese Tabuisierung, dass viele meiner Alltagserfahrungen nur als individuelle Erfahrungen gültig sind. Die Einordnung in strukturelle Diskriminierungsgeschichten wird damit unmöglich. Wie oft habe ich schon gehört, die verletzende Person sei aber kein*e Rassist*in und habe es sicher nicht böse gemeint. Oder dass ich doch nicht so emotional überreagieren solle. Dabei ist die Erwartung, dass ich unemotional auf eine mich entmenschlichende rassistische Handlung reagieren könnte, komplett irrational und entmenschlicht mich noch mehr.

Den Rassismus auch unter weißen Menschen thematisieren

Heute merke ich, dass auch meine engen freundschaftlichen Beziehungen mit weißen Menschen davon leben, dass ich diskriminierende Erfahrungen mit ihnen teile. Diese für mich neue Erfahrung beruht darauf, dass ich selbst erst mit der Zeit Worte für diese Erfahrungen gefunden habe.


Ich bin in der Nähe Heidelbergs wohlbehütet aufgewachsen. In der Dorfgrundschule war ich – bis meine Schwester eingeschult wurde – das einzige Schwarze Kind (das wusste ich allerdings nicht: meiner Meinung nach war ich braun, und es gab Kinder, die aus dem Winterurlaub eine Bräune mitbrachten, die dunkler war als meine Winterblässe). Als ich anfing, mich als junge Erwachsene mit meinem Schwarz-Sein zu beschäftigen, fielen mir kaum rassistische Erfahrungen aus dieser Zeit ein. Erst später fand ich die Worte, um damalige Geschehnisse einordnen zu können. Ich kann heute sagen, dass die Vergleiche, die Mitschüler*innen zu meinem Hautton, meinen Haaren oder auch meinem Nachnamen gezogen haben, einfach nur rassistisch waren. Mittlerweile kann ich es als rassistische Verletzungen einordnen, dass mich mein Freund in der Oberstufe Schokobaby und Schlimmeres nannte, um mich zu necken. Ich weiß, dass nicht ich persönlich Grund für diese Beleidigungen war, sondern weiße Menschen auf der ganzen Welt so – unbewusst oder gar bewusst – ihrer gefühlten Überlegenheit Ausdruck verleihen und sie zu festigen versuchen.

Ich bin sicher, dass die Kinder in meiner Schule nicht absichtlich auf gesamtgesellschaftliche Unterdrückungsstrukturen wie Rassismus zurückgriffen. Aber kein Mensch in Deutschland wächst ohne diese verinnerlichten rassistischen Vorstellungen auf – auch ich nicht. Der Unterschied ist nur, dass diese Vorstellungen für Schwarze Menschen und People of Color dazu führen, dass sie sich selbst als minderwertig empfinden und dies immer wieder vermittelt bekommen. Ich hatte als Kind lange Phasen, in denen ich meine krausen Haare und meinen Hautton gehasst habe. In der Pubertät bekam ich dann zwar sehr viel positives Feedback zu meinem Körper, aber bereits in dieser Zeit merkte ich, dass ich mit rassistisch sexualisierten und exotisierenden Zuschreibungen überhäuft wurde. Heute kann ich dies zwar besser benennen als damals, aber ich werde niemals frei von rassistischen Zuschreibungen in Deutschland leben können. Nie werde ich sagen können »ich bin müde, ich habe keine Lust mehr, mich damit zu beschäftigen«. Denn im nächsten Moment beglückwünscht mich jemand dazu, wie gut ich diesen Wunsch auf Deutsch ausgedrückt habe. Das ist furchtbar schmerzvoll und frustrierend.

Diesen Schmerz nehme ich mit in meine Beziehungen zu weißen Menschen. Es ist schön, wenn mir Freund*innen mitteilen, dass sie sich gerade mehr mit Rassismus in unserer Gesellschaft beschäftigen. Und gleichzeitig treibt es mir Tränen in die Augen. Tränen der Wut darüber, dass ich mir nicht aussuchen kann, mich mit Rassismus zu beschäftigen – oder nicht. Tränen der Frustration darüber, dass ich mein ganzes Leben gegen Rassismus werde ankämpfen werden müssen – ohne diesen Kampf jemals gewinnen zu können. Und Tränen der Trauer darüber, wie viele Schwarze Menschen und People of Color Opfer dieses Rassismus wurden – und immer noch werden.


All diese Tränen möchte ich auch mit weißen Menschen teilen, um ihnen dadurch Stück für Stück erfahrbarer zu machen, was es bedeutet, dem Rassismus in dieser Gesellschaft tagtäglich ausgesetzt zu sein. Und ich hoffe, dass sie hinter diesen Tränen nicht mein persönliches Leid sehen, sondern beginnen die strukturellen Zusammenhänge zu verstehen und zu hinterfragen.

 

1 Schwarz bezeichnet weder eine Eigenschaft noch eine Farbe und wird als selbst gewählte Eigenbezeichnung daher groß geschrieben. Das Wort weiß hingegen ist kursiv gesetzt und klein geschrieben, um es als soziale Konstruktion zu kennzeichnen, mit der Privilegien einhergehen.

Marie-Abla Dikpor ist eine Schwarze Frau in Berlin. Sie ist Mitorganisatorin des intersektionalen Festivals IN*VISION und Bildungsreferentin im Bereich Rassismuskritik, Intersektionalität und Machtkritik.

Marie-Abla Dikpor ist eine Schwarze Frau in Berlin. Sie ist Mitorganisatorin des intersektionalen Festivals IN*VISION und Bildungsreferentin im Bereich Rassismuskritik, Intersektionalität und Machtkritik.

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